Aktuelles

Bild

04.02.2018



(KURZ) PREDIGTEN

5. Sonntag im Jahreskreis
„Ganz für Gott und ganz für die Menschen“

Wenn alle über ein Thema sprechen, ist noch längst nicht allen klar, worüber sie tatsächlich reden. Das ist in der Kirche nicht anders als in der Politik. Deshalb werfe ich im Hinblick auf die heutige Lesung aus dem Korintherbrief zunächst eine grundsätzliche Frage auf: Was ist Evangelisierung? In unserem Bistum Passau ist jetzt sehr häufig davon die Rede, doch was ist damit gemeint? Ich möchte eine kirchliche Autorität, den sel. Papst Paul VI., antworten lassen. In seinem päpstlichen Schreiben EVANGELII NUNTIANDI von 1975 hat er m.E. unsere Frage treffend beantwortet: „Evangelisieren besagt, zuallererst, auf einfache und direkte Weise Zeugnis zu geben von Gott, der sich durch Jesus Christus geoffenbart hat im Heiligen Geist.“ Evangelisierung ist gleichsam ein eindringlicher Appell an alle getauften und gefirmten Christen, den Glauben zu leben und so durch ein Leben aus dem Glauben zu bezeugen: Ja, Gott existiert. In Jesus Christus bin ich ihm begegnet, Kraft des Heiligen Geistes wurde mir klar: Gott hat sich in meinem Leben gezeigt.

Papst Paul VI. setzt seine Antwort noch fort: Evangelisieren heißt „Zeugnis davon zu geben, dass er in seinem Sohn die Welt geliebt hat; dass er in seinem menschgewordenen Wort allen Dingen das Dasein gegeben und die Menschen zum ewigen Leben berufen hat, sprich, dass er uns in Christus uns alles gibt, was er nur geben kann, seine ganze Liebe und dass die ganze Schöpfung, ein jeder Mensch sich ihm verdankt. Papst Benedikt hat diese Antwort in einem Interview mit Peter Seewald einmal ergänzt und gesagt: Evangelisieren heißt, den Menschen zu geben, was sie am meisten erwarten, was sie am meisten brauchen, und was ihnen auch am meisten helfen kann,“ Gott. Nicht evangelisieren hieße folglich: den Menschen Gott vorenthalten, sie um Gott betrügen.

Ist das nicht einfacher gesagt als getan? Ist das nicht Aufgabe unseres Pfarrers? Oh ja, aber nicht nur seine, sondern aller Christen Aufgabe. Doch wie geht das im konkreten Fall? Davon erzählt die Lesung des Paulus an die Korinther. Paulus beginnt eigenartig: Er sagt, er könne sich nicht rühmen ein Evangelisierer, ein Verkünder des Evangeliums zu sein, denn es liege ein „Zwang“ auf ihm, das zu tun. Nicht, dass Paulus unter Druck gestanden hätte, nicht, dass ihn irgendjemand gedrängt hätte; nein, die Begegnung mit Gott vor Damaskus war so intensiv, so Mark und Bein erschütternd, so zwingend, dass er eine völlige Kehrtwende seines Lebens hinlegt und nichts sehnlicher wünscht, als dass möglichst viele Menschen von Christus erfahren, ihn kennen, schätzen und lieben lernen.

Paulus versucht dies, in dem er sich total auf die Menschen einstellt, denen er bei seinen Missionsreisen begegnet; indem er jeden Einzelnen ernst nimmt: Den Schwachen wird er selber ein Schwacher, um sie nicht bloßzustellen. Mit den Fröhlichen lacht er, mit den Trauernden weint er, die gesellschaftlich Ausgestoßenen besucht er… und so müht er sich „allen alles“, d.h. allen gerecht zu werden. Paulus biedert sich nicht billig noch plump an, er predigt das Evangelium nicht unter Niveau, er möchte einfach, dass möglichst viele durch sein Wort und sein glaubwürdiges Zeugnis von Gott erfahren, dass sie erkennen, dass uns in Christus Gott entgegenkommt. Dafür bietet er all seine Kräfte auf, dafür ist er bereit, Not und Entbehrung, Leid und sogar den Tod auf sich zu nehmen.

Was kann ich von Paulus lernen? Das kann man auf einen einfachen Nenner bringen: Ganz für Gott und ganz für die Menschen. Die Gottesbegegnung vor Damaskus hat sein Leben auf den Kopf gestellt, hat aus dem Christushasser, aus dem Christenverfolger, einen Menschen geformt, der Gott von ganzem Herzen liebte. Und diese Gottesbegegnung, von der er dann bei seinen Missionsreisen eindrucksvoll Zeugnis gab, hat sein Herz ganz den Menschen zugewendet. Genau darin soll und darf ich Paulus nacheifern: Gott aus ganzem Herzen zu lieben und seiner Liebe zu mir keine innere Barriere entgegenzustellen; zwar werde ich Gott nie so lieben können, wie es ihm, gebührt, jedoch, so ermutigt Abt Bernhard von Clairvaux im 12. Jh., „modo meo“ so gut ich es kann, auf meine Weise. * Wo bleibt da mein Nächster? Auf der Strecke? Oh nein. Das Beispiel des Paulus lehrt uns: Wer ganz in Gott eintaucht, taucht beim Mitmenschen auf.