Aktuelles

Bild

09.09.2018



(KURZ) PREDIGTEN

23. Sonntag im Jahreskreis
„Effata" - Ein klares Wort wider das Erstarken der Rechten in Gesellschaft und Kirche.

55 Millionen Tote, 6 Millionen getötete jüdische Mitbürger, 250.000 Euthanasieopfer. Allein im KZ Dachau 2.700 inhaftierte Geistliche unterschiedlicher Nationalität und Konfessionen, von denen mindestens 160 deutsche Priester und 110 Laien ihre Standhaftigkeit mit dem Leben bezahlten. Das ist Teilbilanz eines verheerenden Weltkrieges und einer menschenverachtenden braunen Ideologie, die im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen ging. Kein Mensch mit einem Hauch von Resthirn kann sich Ähnliches je wieder auf die politische Bühne zurückwünschen. Und doch gibt es sie, die nationalsozialistischen Kräfte, die in unseren Tagen fröhliche Urständ´ feiern und mit einer Impertinenz an die Öffentlichkeit treten, die erschrecken macht. Das sind nicht einfach eine Handvoll Ewiggestriger, es sind aus dem Untergrund ans Tageslicht drängelnde Faschisten, die den freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat aus den Angeln heben wollen. Haben wir aus der Geschichte nichts gelernt? Der Terror liegt doch erst 8 Jahrzehnte zurück…

Genau in dieser Situation ruft uns der Prophet Jesaja in der Lesung zu: „Sagt den Verzagten: Habt Mut, fürchtet euch nicht! Seht, hier ist euer Gott!“ (Jes 35,4). In unsere Situation gesprochen, bedeuten diese Worte: Es genügt nicht, angesichts rechter Parolen entsetzt den Kopf schütteln und verschämt wegzuschauen. Wir müssen als Christen klar Position beziehen: So nicht! Mit uns nicht! Mit diesem Land nicht! Und: Mit dieser Kirche nicht! Wir können über die Politik in diesem Lande, vor allem über die Frage der Migration geteilter Meinung sein; wir dürfen – das ist ja der Vorteil der Demokratie – für unsere Meinung demonstrieren; aber gegen andere hetzen, sie zum Sündenbock für unsere Ängste und für verfehlte Politik zu stempeln und so ein Klima zu erzeugen, in dem Gewalt legitim scheint, kann nur unseren entschiedensten Widerstand herausfordern.

Im Evangelium tritt heute ein Mann auf Jesus zu, der weder sprechen noch hören kann. Bis anhin hat er vom Leben unverschuldet Vieles nicht mitbekommen. Jesus heilt ihn, indem er seine Ohren und seinen Mund berührt und dabei das „Effata“ „öffne dich“ spricht. Fortan kann er hören, was um ihn herumerzählt wird, er kann mitreden und so besser am Leben teilhaben.

Auch uns ruft Jesus heute ein „Effata“ zu: „Mach deine Ohren auf, und höre, was sie nach 80 Jahren wieder brüllen. Mach deinen Mund auf und rufe deutlich: „So nicht!“ Öffne dich für die Wirklichkeit, nimm wahr, was da geschieht, und tritt ein für Freiheit, Demokratie und die Rechte eines jeden Menschen auf ein menschenwürdiges Leben.“

Warum kann dieser Spuk schon wiederaufleben? Eine der Ursachen liegt wohl darin, dass unsere Gesellschaft gottlos geworden, Gott los geworden ist. Wo der Mensch Gott aus seinem Leben ausradiert, dort schreibt sich Gewalt, Hass und Neid in großen Lettern in das Lebensbuch des Menschen ein. Wo Gott verdrängt wird, dort drängt Intoleranz und Respektlosigkeit an die Oberfläche. Dagegen setzten wir Christen ein Leben nach den 10 Geboten, die Achtung staatlicher Gesetze, das tägliche Bemühen um Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe. Ein gottloser Mensch jedoch, dem der Glaube nichts bedeutet, folgt seinen eigenen Gesetzen und erhebt sich in seiner Hybris zum Gott. Indem er sich selbst erhöht, erniedrigt er alle anderen.

„Effata“ – „öffne dich!“, so ruft Jesus den Taubstummen unserer Tage zu. „Habt Mut, fürchtet euch nicht“, so ermutigt uns der Prophet Jesaja. Das gilt auch für das aktuelle Kesseltreiben in der Kirche, das in der Rücktrittsforderung an Papst Franziskus gipfelt. Kirchenmänner, die an früheren Päpsten nicht den Hauch von Kritik duldeten, die uns predigten „ubi Petrus, ibi ecclesia“, denen das Konzil und seine Öffnung zur Welt ein Dorn im Auge ist, die um ihren Einfluss fürchten, agieren mit Worten und Methoden, die indiskutabel und impertinent sind. Doch ein Gutes hat dieser Rechtsruck in Gesellschaft und Kirche: Jetzt entlarven sich die Maskierten, jetzt zeigen sie ihr wahres Gesicht und sie machen kund, worum es ihnen in Wahrheit geht: um Macht, um Posten, um die Durchsetzung allein ihrer kirchenpolitischen Richtung, die nichts Anderes neben sich duldet. Mit der Parole „wir müssen die Kirche retten“ fahren sie derzeit ihre Geschütze auf, treten zum letzten Gefecht an und schießen aus vollen Rohren. Fallen wir auf diese über Leichen gehenden Rattenfänger nicht herein!

Was tun in dieser Situation? Klar Position beziehen. Für Demokratie und Freiheit und die Menschenrechte. Klar Position beziehen für das Konzil und für Papst Franziskus, den obersten Hirten der Kirche. Principiis obsta! Wehret den Anfängen – in Wort und Tat und ganz besonders auch im Gebet.