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18.07.2021



16. Sonntag im Jahreskreis Herdenbrief

Was wohl in dem Brief stünde? Was wohl in dem Brief stünde, den die Herde einer Diözese ihrem Hirten schreiben würde, quasi einen Herdenbrief? Ob die Kritik an den Hirten genauso vernichtend ausfallen würde wie in der heutigen 1. Lesung beim Propheten Jeremia? Ob die Herde wohl den allenthalben ausge-brochenen Strukturreformwahnsinn monieren würde? Oder die Bürokratie, in der die Hirten untergehen, sodass sie vor lauter Aktenbergen die Herde nicht mehr recht sehen? Oder die Legion nicht endenwollender Sitzungen, in denen Zukunftsstrategien entwickelt werden, die schon nach 2-3 Jahren von der Rea-lität überholt sind? Es wäre spannend, was in einem solchen Herdenbrief zu lesen wäre.
Doch wie wäre den in einem Herdenbrief vermeintlich beklagten Zuständen beizukommen? Wie ließe sich das Blatt wenden und der Blick in Richtung Hoffnung und Zukunft frei werden? Mittels eines synodalen Weges, der mit Vorliebe Themen und Probleme aufgreift, die nur im Einklang mit der gesamten Kirche gelöst werden können? Ich denke, das heutige Evangelium kann uns einen wichtigen Impuls zur Beantwortung dieser Fragen geben.
Die im Evangelium des letzten Sonntags ausgesandten Apostel kommen von ihrer ersten Predigtreise heute zurück und haben viel zu erzählen: Wen sie getroffen haben, wie die Menschen auf ihre Botschaft reagiert haben, wo sie aufgenommen wurden, wo sie rausgeflogen sind, wo sie Kranke heilen und Trauernde aufbauen konnten. Die Resonanz muss jedenfalls groß und in summa positiv gewesen sein, denn die vielen Zuhörer, die an ihren Lippen hängen, lassen sie nicht einmal recht zum Essen kommen. Gegen soviel Umtriebigkeit gibt es nur eines: Jesus heißt sie ein Boot zu besteigen und wegzufahren. Fahrtrichtung: Stille. Die Stille ist der Ort, wo sich das Erlebte setzen kann. Die Stille ist der Ort, wo die aufgewühlten Apostelseelen zur Ruhe kommen, an dem sie für künf-tigen Aufgaben nachtanken können. Jesus selbst zog sich vor Beginn seines öffentlichen Wirkens vierzig Tage in die Wüste zurück. Und andere große Gestalten taten es ihm gleich.
Der Heilige Benedikt ging vor seinem Wirken auf Monte Cassino in die Stille einer Höhle in Subiaco. Von ihm schreibt Papst Gregor: Benedictus habitavit secum: Er wohnte in sich, er ruhte in sich. Er fand in der Stille zu sich und zu Gott. Ganz ähnlich Franz von Assisi. Immer, wenn es in der Gemeinschaft der Brüder kriselte, ging Franziksus in die Stille, sei es auf den Monte La Verna, sei es in die Carceri. Dort, abseits der Menge, konnte er seine Gedanken ordnen und in Schweigen und Gebet die Ruhe des Herzens wiederfinden. Ähnlich handelte die große Hl. Caterina von Siena. Mehrere Jahre lebte sie in einem kleinen Zimmer des Elternhauses, ganz zurückgezogen von der Öffentlichkeit. Es war die Zeit der Vorbereitung auf ihre große Aufgabe, den Papst aus dem Exil in Avignon zurückzuholen. Starke Frauen wie Caterina und Teresa von Ávila haben nicht lange Gleichberechtigung in der Kirche gefordert, nein sie traten im Bewusst-sein ihrer Berufung und Sendung selbstbewusst auf – und haben Geschichte geschrieben. Ihnen allen gemeinsam ist die Erfahrung von Schweigen und Stille.
Nun mag mir jemand entgegenhalten: Die Stille als Lösung aller Probleme? Das ist ja billig! Nein, ich bin weder naiv noch ein Träumer, deshalb präzisiere ich: Die Stille als Voraussetzung, unabdingbare Voraussetzung, um auf die Probleme und Herausforderungen dieser Zeit gültige Antworten zu finden. Gerade heute, wo wir vom Kaufhaus übers Wirtshaus bis zum Warte-zimmer des Arztes ununterbrochen mit Musiklärm berieselt werden, brauchen wir Zeiten und Orte der Stille. Die Zeit soll und muss sich ein jeder selbst nehmen.
Den Ort kann unser Haus anbieten: Etwa die Ruhe unseres Parks oder die heilige Sammlung in der Sinaikapelle. Einfach kommen, läuten und am Empfang sagen, dass man sich gerne in die Stille zurückziehen möchte.
Nochmals zurück zum Evangelium. Die Stille währt natürlich nicht ewig. Auf das ORA folgt wieder das LABORA, die Menschen, die Jesu Mit-leid erwek-ken, die Schafe ohne Hirten. Genau darum geht es: um die rechte Balance aus ORA et LABROA aus Gebet, Stille und Schweigen und konkretem Leben – sei es als Hirte oder Hausfrau, als Elektriker oder Lehrer, Studentin oder Pensio-nistin. Wer dieses Gleichgewicht findet, der ist in Frieden mit sich, mit den Mitmenschen und mit Gott. Mag Trubel und Stress auf ihn einströmen – er wird es meistern und immer wieder zu jenem Weg zurückfinden, der ihn ins Ziel führt.